In Gegensätzen miteinander - Beziehung im Sozialen pflegen

Wie Tiere Therapeuten unterstützen.

In Ahrensburg entsteht eine neue Werkstatt für behinderte Menschen.
Ihre Therapeuten sind unter anderem zwei Esel und vier Pferde.


 

Auszug aus dem Hamburger Abendblatt vom 10. Februar 2018.
Grete kann kein Abschlusszeugnis im Fach Heilerziehungspflege vorweisen. Sie kennt weder medizinische Fachbegriffe noch hat sie sich jemals mit den Merkmalen von Psychosen auseinandergesetzt. Und trotzdem hilft Grete Menschen, die geistig, körperlich und psychisch beeinträchtigt sind – und zwar als tierische Therapeutin.

Grete ist eine acht Jahre alte Eseldame, die auf Gut Wulfsdorf in Ahrensburg aufgewachsen ist. Dort, auf dem Gelände des Biohofes am Bornkampsweg, entsteht derzeit eine neue Werkstatt der Hermann Jülich Werkgemeinschaft. Die Einrichtung bietet bereits in Hamfelde/Stormarn, Köthel und an einem anderen Standort in Ahrensburg Wohn- und Arbeitsplätze für Menschen mit meist schwersten mehrfachen Behinderungen. „Viele unserer Bewohner und Beschäftigten können sich nicht auf herkömmliche Art und Weise ausdrücken“, sagt Anke Brammen, Leiterin der Werkgemeinschaft. Sie zeigen autistische Züge, sind mit dem Downsyndrom zur Welt gekommen oder schwer traumatisiert. Auf scheinbar einfache Fragen wie „Wie geht es dir?“, „Was würdest du gern machen?“ und „Wobei fühlst du dich wohl?“ antworten sie selten allgemein verständlich. Manche antworten auch gar nicht. „Diesen Menschen möchten wir trotzdem nahekommen und ihnen eine positive, individuelle Entwicklung ermöglichen“, sagt Anke Brammen. Daher fiel die Entscheidung, in der neuen Werkstatt in Ahrensburg die sogenannte tiergestützte Therapie anzubieten. Vier Pferde und zwei Esel sollen die therapeutische Arbeit ergänzen. „Und das schon allein durch ihre Anwesenheit“, sagt Brammen. Gute Erfahrung mit Tieren hat die Werkgemeinschaft bereits am Standort Köthel gemacht: Dort können Betreute eine Reittherapie machen, die das Körperbewusstsein und damit das allgemeine Wohlbefinden stärkt.

Die Heimleiterin ist überzeugt, dass Tiere einen Zugang zu Behinderten finden, der vielen Menschen verwehrt bleibt. Sie sagt: „Ein Tier will nichts erzwingen, lässt sich nicht durch Äußerlichkeiten beeinflussen und reagiert ganz natürlich. Das schafft eine Atmosphäre, in der unsere Betreuten sich entspannen und loslassen können.“ Wie eng der Kontakt zu Esel und Pferd letztendlich sein soll, entscheide der Therapierte selbst. Pferd, Esel, Hund oder Alpaka – ob sich ein Tier für Therapiezwecke eignet, muss in jedem Einzelfall geprüft werden. So unterschiedlich die Charaktere von Menschen sind, so individuell sind auch Vierbeiner. Grundsätzlich gilt, dass das Wesen des tierischen Therapeuten bereits von Natur aus gutmütig und gelassen sein sollte. Nur dann ist ein intensives Training sinnvoll, das auf künftige Einsätze vorbereitet. Das Tier muss damit zurechtkommen, dass der Mensch neben ihm plötzlich anfängt zu schreien, auf ihm herum klopft, es grob anfasst.

Dabei hilft die Anwesenheit von Personen, denen wiederum die Tiere vertrauen können. Das gilt auch für die neue Ahrensburger Werkstatt der Hermann Jülich Werkgemeinschaft, die ihren Schwerpunkt in Garten- und Pferdepflege haben wird. Deshalb sucht Heimleiterin Anke Brammen bis zur Eröffnung im Herbst noch „reitende Krankenschwestern und Gärtner“. Heißt: Die Bewerber sollten – neben ihrem Fachwissen – eine Leidenschaft für Pferde mitbringen. Und natürlich auch für Eseldame Grete und ihren Artgenossen.

Die neue Werkstatt der Hermann Jülich-Werkgemeinschaft auf dem Gut Wulfsdorf (Bornkampsweg 39, 22926 Ahrensburg) wird voraussichtlich im September eröffnet. Kontakt zu Anke Brammen: Telefon 04154 84 38 45 und Mail brammen@werkgemeinschaften.de

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